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Sebastian Brants 'Narrenschiff'

Das 'Narrenschiff' ist eine bebilderte Moralsatire in frühneuhochdeutschen Knittelversen, die erstmals am 11.2.1494 in Basel im Druck erschien.

Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt des Humanisten Sebastian Brant (1457 - 10.5.1521) und seines Basler Verlegers Johann Bergmann von Olpe. An der Ausstattung mit 114 Holzschnitten war wohl auch der junge Albrecht Dürer beteiligt.

Sebastian Brant gehörte um 1500 zu den führenden Intellektuellen im deutschen Sprachraum. Im 'Narrenschiff' geht es ihm um moralische Belehrung ex negativo: Die menschliche Narrheit soll in all ihren Erscheinungsformen vor Augen gestellt werden. Die Leitmetapher ist das mit Narren voll besetzte Schiff, das in See sticht und Kurs auf das imaginäre Narrenland "Narragonien" nimmt. Ziel des satirischen Narrenbildbuchs ist es, in unterhaltsamer Form den Lesern ihre Schwächen, Missetaten und lässlichen Sünden vor Augen zu stellen und dadurch Orientierung in Fragen christlicher Lebensführung zu geben.


Das Basler Narrenbuch präsentiert eine Revue von 109 Narren, die jeweils für eine bestimmte Verfehlung stehen und in Text und Bild veranschaulicht werden.

Ein Narr ist etwa, wer sich als Quacksalber betätigt oder keinen Spass versteht, wer selbstgefällig oder undankbar ist, wer seine Kinder nicht zu bändigen weiß oder alle Länder erforschen will. Narren sind der Säufer wie der Völler, der Streithansel wie der Spottvogel, der faule Student wie der weltfremde Gelehrte, der Narzisst, der Wollüstige, der Spielsüchtige usw.

Der Narr ist also nicht etwa der verquere Außenseiter. Er ist vielmehr ein Jedermann, der in der Mitte der Gesellschaft steht. Wir alle, sagt Sebastian Brant, sind Narren im Sinne des 'Narrenschiffs', und er selbst schließt sich augenzwinkernd mit ein. Doch die eigene Narrheit ist heilbar, wenn man sie als solche erkennt, umdenkt und sich ändert. Dies zu erreichen, ist Ziel des 'Narrenschiffs'.
Das 'Narrenschiff' ist ein prominentes Beispiel für Intermedialität um 1500. Sebastian Brant und Bergmann von Olpe waren "Medienprofis" und wussten die neuen Möglichkeiten des Buchdrucks zu nutzen: Die 109 Narrenkapitel, die stets zwei bzw. vier Seiten einnehmen, weisen ein gemeinsames Grundlayout auf, das ein kurzes Motto, einen großformatigen Holzschnitt, eine einzeilige Überschrift und ein Spruchgedicht von 34 bzw. 94 Versen umfasst. Im aufgeschlagenen Buch kann der Leser in Bild und Text erkennen, welcher Narr er ist.

Blättern Sie durch das Digitalisat der Erstausgabe des 'Narrenschiffs' (Staatsbibliothek Berlin)!


Solche "Bildbücher" (Knape 1988), die ihre Aussage durch die Kombination von Bild- und Textmedium vermitteln, zählen zu den Vorläufern der Emblematik. Für das 'Narrenschiff' ist die Bi-Medialität konstitutiv, und sie bleibt auch in seiner Überlieferungsgeschichte bis ins 17. Jahrhundert erstaunlich stabil. Brants Narrenbuch empfiehlt sich damit für eine digitale Edition, die der ambitionierten Buchgestaltung Rechnung trägt und die überlieferungsgeschichtliche Dynamik von Text und Bild nachvollziehbar macht.
Für die Ausführung der 114 Holzschnitte des 'Narrenschiffs', zu denen womöglich Brant selbst Skizzen anfertigte, engagierte man mehrere Künstler vor Ort. Etwa 70 Holzschnitte werden einem Hauptmeister zugeschrieben, vgl. die Übersicht über die Meister der Holzschnitte nach Lemmer 2004.

Die alte Diskussion, ob dieser Hauptmeister der junge Albrecht Dürer war, der sich 1492 und 1493 in Basel aufhielt, wurde jüngst von literaturwissenschaftlicher Seite wiederbelebt, vgl. Rockenberger 2011. Mag auch Rockenbergers Skepsis gegen die Dürerthese nicht unangebracht sein, so sind doch die kunsthistorischen Argumente, die für Dürers Beteiligung sprechen und u.a. von Joseph Meder 1932, Friedrich Winkler 1951/7, Rainer Schoch 2004 und Lothar Schmitt 2010 vorgebracht wurden, nicht von der Hand zu weisen. Im 3. Band der monumentalen Studie zu Dürers druckgrafischem Werk (München 2004) schreiben die Herausgeber die 'Narrenschiff'-Holzschnitte weiterhin Dürer zu. Ein Konsens besteht also nicht, wohl aber ist eine Tendenz erkennbar.
Aus der umfänglichen Forschungsliteratur zu Sebastian Brant und zum 'Narrenschiff' seien zur ersten Information empfohlen:

  • Knape, Joachim: Brant (Titio), Sebastian. In: Deutscher Humanismus 1480-1520. Verfasserlexikon. Hg. v. Franz Josef Worstbrock. Bd. 1. Berlin, New York 2008, Sp. 245–283. [Digitalisat in Uni-Netzen / per VPN abrufbar]
  • Knape, Joachim: Einleitung. In: Sebastian Brant: Das 'Narrenschiff'. Studienausgabe. Mit allen 114 Holzschnitten des Drucks Basel 1494 hg. v. Joachim Knape. Stuttgart 2005, S. 11-99.
  • Wilhelmi, Thomas (Hg.): Sebastian Brant. Forschungsbeiträge zu seinem Leben, zum 'Narrenschiff' und zum übrigen Werk. Basel 2002.
  • Henkel, Nikolaus: Sebastian Brant: Studien und Materialien zu einer Archäologie des Wissens um 1500 (in Vorbereitung).